Photo: Storytel

Er kommt zu mir und drückt meinen unteren Rücken, korrigiert meine Beine und stellt sicher, dass ich das Pferd richtig im Griff habe. [..]. Alles ist so streng kontrolliert, aber ich nehme mir Jerrys Lektionen zu Herzen, wenn ich reite.

– Sophie Jahn

Der Reitsport und die Beziehung zum Pferd sind gerade bei jungen Mädchen eine sehr emotionale Angelegenheit: Die Bindung zum Partner Pferd ist hoch, Bewunderung und Respekt für und vor dem Reitlehrer sind groß und die Bedeutung der Zeit im Stall hat immensen Stellenwert. Der Verlust dieser Welt ist gerade für junge Mädchen absolut undenkbar.

– Sophie Jahn

Photo: Storytel

Diese Gruppenbildung passiert grundsätzlich. Darüber muss man sich im Klaren sein und das muss man aushalten können. Ganz wichtig ist, psychologische Hilfestellung in Anspruch zu nehmen.

Auch wenn es schwierig und hart ist, Missbrauchsgeschichten öffentlich zu machen, ist es äußerst wichtig. Das ist auch einer der Gründe, warum Sophie beschlossen hat, ihre Geschichte mit der ganzen Welt zu teilen. „Was mich antreibt, ist, eine Geschichte zu erzählen, die erzählt werden sollte. Als Kind dachte ich, ich sei die Einzige, die leidet. Das gab mir das Gefühl, dass ich ein großes Geheimnis auf meinen Schultern trage. Je älter und selbstständiger ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass es sich um ein universelles Problem handelt, das mit einem Stigma behaftet ist. Indem ich die Initiative ergreife und offen darüber spreche, woher ich komme, glaube ich, dass ich andere ermutigen kann, sich aus ihrer Situation zu befreien oder Unterstützung zu suchen.“

Dem Verdacht nachgehen

Doch wie geht man damit um, wenn der Verdacht in einem aufkommt, dass hier etwas nicht stimmt? Wenn man so ein komisches Gefühl im Bauch hat… 

Auf jeden Fall sollte man ein ungutes Gefühl nicht bagatellisieren, sondern es ernstnehmen. Ernstnehmen bedeutet nämlich in der ersten Instanz, dass man beginnt damit umzugehen. Ignorieren ist keinesfalls ein guter Weg. Die größte Angst ist ja stets, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen. Daher ist es wichtig, sich mit einer Person auszutauschen, die sich mit dem Thema auskennt. Sollte es im Reitstall oder Reitverein eine Vertrauensperson für diese Fragen geben, ist das sicher eine gute Adresse – ansonsten der Rat auch für Dritte, ein Hilfetelefonnummer anzurufen. Es gibt keinen pauschalen Leitfaden für das richtige Verhalten, denn alle Fälle sind individuell und unterschiedlich. Daher sind die geschulten Ansprechpersonen, die man unter der Hilfetelefonnummer erreicht sicher eine sehr gute Unterstützung. Gerade, wenn sich der Verdacht erhärtet, geht es darum, alle weiteren Schritte sorgsam abzuwägen.

In engem Zusammenhang damit steht Sophies Rat für andere Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden: „Finden Sie Wege, Ihren Gefühlen Luft zu machen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Wenn man Freunde hat, denen man vertrauen kann, sprechen Sie mit ihnen darüber, wie Sie sich fühlen und was in Ihrem Leben passiert. Es wird eine Erleichterung sein, Ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Außerdem rate ich dringend, sich an einen Erwachsenen zu wenden, der gut zuhören und beraten kann, wie mit der Situation umzugehen ist. Etwas, das mir geholfen hat, war es, ein Tagebuch zu schreiben. Es war ein gutes Gefühl, die Dinge zu Papier zu bringen und sich im Nachhinein an das Geschehene zu erinnern. Eine letzte Empfehlung wäre, eine Organisation aufzusuchen, die Menschen in Missbrauchsfällen hilft, und dort um Unterstützung zu bitten.“

Es handelt sich zwar um ein schwieriges, aber sehr wichtiges Thema. Und eines ist sicher: Wegschauen ist keine Lösung.



Julia von Weiler sagt, dass sich genau hier gut ansetzen lässt, Maßnahmen zu ergreifen, die Missbrauch verhindern: „In Ställen, in denen deutlich wird, dass sexualisierte Gewalt kein Tabuthema ist, haben es Täter und Täterinnen deutlich schwerer. Sind Ansprechpersonen für Sorgen und Nöte bekannt? Gibt es Zugang zu Hilfetelefonnummern (zum Beispiel durch Visitenkarten zur Mitnahme oder Poster mit QR-Code)? Wird gefragt, bevor bei Sitzkorrekturen berührt wird? Werden Dinge offen angesprochen? Sind sexualisierte Sprüche tabu? All dies schafft eine Atmosphäre, die es einem Täter / einer Täterin sehr viel schwerer machen wird, eine Tat vorzubereiten oder gar zu begehen.“ Wird eine Tat der sex-
ualisierten Gewalt öffentlich gibt es immer eine Spaltung: Diejenigen, die sich das vorstellen können und sich auf die Seite des Opfers stellen, diejenigen, die aus allen Wolken fallen und diejenigen, die den Täter verteidigen, weil sie sich gar nicht vorstellen möchten, dass so etwas geschehen ist. 

Missbrauch öffentlich machen

Doch wie gelingt es jungen Menschen über die Taten zu sprechen und Vertra-uenspersonen hinzuzuziehen? Es ist so wichtig, dass sich die Opfer öffnen und jemanden ins Vertrauen ziehen, so Julia von Weiler. Das erste und Wichtigste, das es zu verinnerlichen gilt, ist: „Ich kann nichts dafür – es ist nicht meine Schuld.“ Und dann gilt es, allen Mut zusammen zu nehmen und es auszusprechen. Am leichtesten gelingt dies häufig in der Anonymität an einem Hilfetelefon.

Nur wenige Betroffene vertrauen sich jemandem im Stall an – zu groß die Scham und das Gefühl Schuld an dem eigenen Missbrauch zu sein. Auch die Angst, die Position im Reitstall zu verlieren und als „Nestbeschmutzer“ dargestellt zu werden, spielt eine übergeordnete Rolle. Häufig fehlt es in Ställen und Reitvereinen aber auch an einer unabhängigen Vertrauensperson, an die man sich mit seinem Problem wenden könnte. Mehr noch, es gibt Berichte über Untätigkeit und Abwehrverhalten von Vereinen, da diese einen Reputationsschaden befürchten.


Von Kerstin Schmidt // Foto: Shutterstock & Storytel

– Sophie Jahn
Dann haben sich die Leute entweder gegenseitig angeschaut oder auf den Boden gesehen - und nichts gesagt. 

„sich-kümmern“, Isolation durch verstärkte Vergabe von Privilegien oder auch durch Druck, Drohung und Erpressung, so Julia von Weiler.

Grenzüberschreitungen

In erster Instanz ist es sehr leicht für die Täter / Täterinnen die Grenzen verbal zu überschreiten, anzügliche Witze zu machen oder kleine sexistische Bemerkungen fallen zu lassen. Dabei sehen Menschen dies, wenn sie es mitbekommen, vielleicht durchaus kritisch. Dennoch sagen sie meist nichts, da es ja eine vermeintlich so lockere Atmosphäre ist. Auch die körperliche Nähe wird als völlig normal eingestuft. Der Trainer korrigiert die Lage des Beins oder macht deutlich, wie der Sitz sein muss, die Gesäßknochen zu belasten oder die Hände zu führen sind. Dies geschieht meist ganz öffentlich auf dem Reitplatz oder in der Halle und niemand, der es mitbekommt wird sich darüber wundern. 

Julia von Weiler: Mehren sich diese vermeintlich harmlosen Taten wird die Reitschülerin (der Reitschüler) mit ziemlicher Gewissheit kein Wort darüber verlieren. Zu Hause nicht, aus Angst, dass der Gang in den Stall untersagt wird und im Stall nicht, aus Angst, dass einem niemand Glauben schenkt.

Täter überwinden so in vielen kleinen Schritten auch ihr eigenes inneres Hemmnis. Jeder Trainer (jede Trainerin) weiß, dass die Handlung verboten ist. Es sind Schritte, die sie die Taten vor sich selbst rechtfertigen lassen. Das Kind / der Teenager empfindet es gar nicht als schlimm. Sie/er reagiert nicht abwehrend. Sie/er steigt sogar noch darauf ein.

Die äußeren Hemmnisse zu überwinden ist dabei auch ein recht leichter Weg. Je offensichtlicher die etwas zu lange Berührung dauert oder der anzügliche Spruch in lockerem Umfeld gesagt wird, umso weniger scheinen diejenigen, die dabei sind, Anstoß zu nehmen. Und selbst wenn es bemerkt wird, so wird noch lange nichts gesagt. Man denkt man bilde sich das ein, ist zu empfindlich und empfindet letztendlich auch Scham ein solches Thema anzusprechen.

Auf die Frage, was sie Menschen rät, die Zeugen von Missbrauch im Pferdesport werden, antwortet Sophie Jahn: „Ich glaube, dass man als Erwachsener die Verantwortung hat, einzugreifen und zu unterstützen. In meinem Fall hätte ich es sehr zu schätzen gewusst, wenn sich ein Erwachsener meiner angenommen hätte. Wenn mir jemand das Vertrauen gegeben hätte, dass ich mit ihm / ihr hätte sprechen können. Allein durch Gespräche wäre mir eine schwere Last von den Schultern genommen worden. Außerdem würde ich Betroffenen raten, sich an die Schule, Behörden, Polizei usw. zu wenden, um sicherzustellen, dass sich das Umfeld der Situation bewusst sind.“

Meist folgen Übergriffe mit sehr schleichenden Übergängen. Psychisch und physisch wird die Gewaltspirale immer fester an- und die Opfer immer tiefer hineingezogen. Wie groß das Problem in Wirklichkeit ist, weiß niemand. Bekannt, öffentlich und verurteilt ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist riesig.

Ein Thema, das alles andere als schön ist und über das man nicht besonders gerne spricht. Dennoch sind Belästigung und Nötigung auch im Pferdesport nachweislich präsent. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung engagiert sich seit mehr als zehn Jahren gegen sexualisierte Gewalt im Pferdesport. Auch in anderen Ländern gab es bereits Gerichtsurteile gegen Täter und in Schweden hat Sophie Jahn ein Buch über ihre Kindheit auf dem Reiterhof, geprägt von häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen durch den Vater, veröffentlicht. Wir haben mit Expertin Julia von Weiler, Diplom-Psychologin und Geschäftsführerin von Innocence in Danger (Organisation zum weltweiten Schutz von Kindern vor Missbrauch) und Sophie Jahn gesprochen, um dieses schwierige Thema zu beleuchten. Wie begegnet man dieser Gefahr, was kann man tun und wo bekommt man Hilfe? Diesen Fragen sind wir nachgegangen.

Abhängigkeit schaffen

Der Reitsport und die Beziehung zum Pferd sind für Kinder und Jugendliche – häufig gerade bei jungen Mädchen – eine sehr emotionale Angelegenheit: Die Bindung zum Pferd ist hoch, Bewunderung und Respekt für und vor dem Reitlehrer oder der Trainerin sind groß und die Zeit im Stall hat immensen Stellenwert. Der Verlust dieser Welt ist für viele junge Menschen deshalb für absolut undenkbar.

Der Täter / die Täterin „schenkt“ dem Kind besonders viel Aufmerksamkeit, gewährt vielleicht Vorteile, kümmert sich ganz besonders und lässt so eine dichte, vermeintlich sehr vertrauensvolle Atmosphäre entstehen. So darf zum Beispiel das Lieblingspferd häufiger geritten werden und es gibt ein paar extra Unterrichtsstunden. Vielleicht wird sogar die Turnierteilnahme in Aussicht gestellt. Alles Dinge, nach denen sich pferdeverrückte Kinder und Jugendliche sehnen. Ihr Traum rückt näher. So entsteht einerseits eine gewisse Abhängigkeit und der Wunsch der Kinder / Jugendlichen immer mehr zu gefallen wird verstärkt. Andererseits ist dies schon der erste Schritt eine Erpressbarkeit herbeizuführen. Wenn man diese und jene Sache nicht mitmacht, droht der Entzug der Privilegien und das möchten Kinder und Jugendliche ja in jedem Fall vermeiden.

Die Strategie der Tatperson ist dabei also, sukzessive eine Abhängigkeit zu schaffen. Entweder, durch Ausnutzen des „wunden Punktes“, durch ein übersteigertes 


Rühr mich nicht an!

Wir haben nie darüber gesprochen, was Jerry mit uns gemacht hat. Jeden Morgen, wenn es der Tag nachdem er einen oder mehrere von uns missbraucht hatte war, herrschte totales Schweigen. Das Schweigen war wie eine kleine Hoffnung, dass sich die Ereignisse von gestern sich nie wiederholen würden. Aber indem wir weder etwas sagten oder taten, halfen wir ihm weiterzumachen.

Missbrauch im Reitsport


  • Qualifikationen des Ausbilders hinterfragen. Erkundigungen einholen, ob sich der Verein / die Reitschule präventiv mit der Problematik auseinandersetzt. Fortbildungen, Ansprechpartner etc.


  • Achtsam beobachten, wie der Umgang des Trainers mit den Reitschülern ist. Wie wird miteinander gesprochen und mit körperlicher Nähe umgegangen.


  • Öfter mal bei den Kindern im Stall dabei sein. Sie nicht einfach nur am Stall abliefern und nach der Reitstunde wieder abholen.


  • Den Kindern zuhören und sie ernst nehmen, sollten sie versuchen, sich anzuvertrauen.


  • ei geändertem Verhalten der Kinder aufmerksam sein. Hinterfragen und ihnen die Gewissheit geben, dass man ihnen glaubt.


  • Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, um professionelle Hilfe zu erhalten)

Was können Eltern tun, um sexualisierte Gewalt zu erkennen und zu vermeiden?

  • Im Verein/Pferdebetrieb/Stall ein Klima des respektvollen Umgangs schaffen.


  • Bei verbalen oder körperlichen Übergriffen hinschauen und nicht wegsehen.


  • Hinterfragen, wer als Ausbilder mit welcher Qualifikation Unterricht gibt bzw. für Kinder und Jugendliche als Trainer eingesetzt wird.


  • Sich als Vereinsvorstand mit dem Thema befassen und Ansprechpartner für sexualisierte Gewalt benennen.


  • Fortbildungen zum Beispiel der Landesportbünde zum Thema nutzen: Wie erkenne ich die Machenschaften von Tätern?


  • Ein Täter-unfreundliches Umfeld schaffen, indem z.B. Poster gegen sexualisierte Gewalt und Missbrauch aufgehängt werden und das Thema offen kommuniziert wird.


  • Schutzkonzepte gemeinsam mit Jugendlichen erarbeiten.


  • Die Satzung des Vereins aktualisieren: Grenzüberschreitendes Verhalten und Konsequenzen, Beschwerdemanagement etablieren.

Was können Vereine und Betriebe tun, um sexualisierte Gewalt zu verhindern?

Quellen

Leclerc, B., Proulx, J. & Beauregard, E. (2009): Examining the modus operandi of sexual offenders against children and its practical implications. Aggression and violent behavior.

Brackenridge, C. & Fasting, K. (2005): The Grooming Process in Sport: Narratives of Sexual Harassment and Abuse.

Fallstudie “Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports“, 2012.

Deutsche Reiterliche Vereinigung FN

Case study “Sexualized violence and child sexual abuse in the context of sport”, 2019

Wo beginnt
 sexualisierte Gewalt?

Wenn ich mich mit seinem Morgenkaffee hereinschlich konnte es ein, dass ein junges Pferd in seinem Zimmer stand, das auf den Teppich geäppelt und dort geschlafen hat.

- Sophie Jahn

Das Diagramm zeigt, dass 75 % der Opfer von sexuellen Übergriffen weiblich sind, 22% sind männlich.

Of all the people who have experienced sexual assault in sports, 60% has been expoxed to it often, 28% multiple times, and 3% one time.

3% | One time

28% | Mehrere Male

60% | Regelmäßig/oft

Geschlecht der Opfer

Häufigkeit der sexulalisierten Gewalterfahrung

75% | Weiblich      22% | Männlich      3% | Keine Angabe

  • Anzügliche Blicke
  • Herabwürdigende Kommentare
  • Unangenehme Berührungen
  • Briefe, E-Mails oder Nachrichten mit sexuellem Inhalt
  • Exhibitionistische Handlungen
  • Sexuelle Nötigung
  • Vergewaltigung

Der Begriff sexualisierte Gewalt umfasst Formen von Gewalt und Machtausübung, die mittels sexueller Handlungen zum Ausdruck gebracht werden. Sexualisierte Gewalt kann verbaler und/oder körperlicher Art sein und erfolgt gegen den Willen der Betroffenen. Zu sexualisierter Gewalt zählen z.B.:

60% | Regelmäßig/oft

28% | Mehrere Male

3% | One time

– Sophie Jahn
Dann haben sich die Leute entweder gegenseitig angeschaut oder auf den Boden gesehen - und nichts gesagt. 

Er kommt zu mir und drückt meinen unteren Rücken, korrigiert meine Beine und stellt sicher, dass ich das Pferd richtig im Griff habe. [..]. Alles ist so streng kontrolliert, aber ich nehme mir Jerrys Lektionen zu Herzen, wenn ich reite.

– Sophie Jahn

Quellen

Leclerc, B., Proulx, J. & Beauregard, E. (2009): Examining the modus operandi of sexual offenders against children and its practical implications. Aggression and violent behavior.

Brackenridge, C. & Fasting, K. (2005): The Grooming Process in Sport: Narratives of Sexual Harassment and Abuse.

Fallstudie “Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports“, 2012.

Deutsche Reiterliche Vereinigung FN

Case study “Sexualized violence and child sexual abuse in the context of sport”, 2019

Der Reitsport und die Beziehung zum Pferd sind gerade bei jungen Mädchen eine sehr emotionale Angelegenheit: Die Bindung zum Partner Pferd ist hoch, Bewunderung und Respekt für und vor dem Reitlehrer sind groß und die Bedeutung der Zeit im Stall hat immensen Stellenwert. Der Verlust dieser Welt ist gerade für junge Mädchen absolut undenkbar.

– Sophie Jahn


  • Qualifikationen des Ausbilders hinterfragen. Erkundigungen einholen, ob sich der Verein / die Reitschule präventiv mit der Problematik auseinandersetzt. Fortbildungen, Ansprechpartner etc.


  • Achtsam beobachten, wie der Umgang des Trainers mit den Reitschülern ist. Wie wird miteinander gesprochen und mit körperlicher Nähe umgegangen.


  • Öfter mal bei den Kindern im Stall dabei sein. Sie nicht einfach nur am Stall abliefern und nach der Reitstunde wieder abholen.


  • Den Kindern zuhören und sie ernst nehmen, sollten sie versuchen, sich anzuvertrauen.


  • ei geändertem Verhalten der Kinder aufmerksam sein. Hinterfragen und ihnen die Gewissheit geben, dass man ihnen glaubt.


  • Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, um professionelle Hilfe zu erhalten)

Was können Eltern tun, um sexualisierte Gewalt zu erkennen und zu vermeiden?

  • Im Verein/Pferdebetrieb/Stall ein Klima des respektvollen Umgangs schaffen.


  • Bei verbalen oder körperlichen Übergriffen hinschauen und nicht wegsehen.


  • Hinterfragen, wer als Ausbilder mit welcher Qualifikation Unterricht gibt bzw. für Kinder und Jugendliche als Trainer eingesetzt wird.


  • Sich als Vereinsvorstand mit dem Thema befassen und Ansprechpartner für sexualisierte Gewalt benennen.


  • Fortbildungen zum Beispiel der Landesportbünde zum Thema nutzen: Wie erkenne ich die Machenschaften von Tätern?


  • Ein Täter-unfreundliches Umfeld schaffen, indem z.B. Poster gegen sexualisierte Gewalt und Missbrauch aufgehängt werden und das Thema offen kommuniziert wird.


  • Schutzkonzepte gemeinsam mit Jugendlichen erarbeiten.


  • Die Satzung des Vereins aktualisieren: Grenzüberschreitendes Verhalten und Konsequenzen, Beschwerdemanagement etablieren.

Was können Vereine und Betriebe tun, um sexualisierte Gewalt zu verhindern?

Diese Gruppenbildung passiert grundsätzlich. Darüber muss man sich im Klaren sein und das muss man aushalten können. Ganz wichtig ist, psychologische Hilfestellung in Anspruch zu nehmen.

Auch wenn es schwierig und hart ist, Missbrauchsgeschichten öffentlich zu machen, ist es äußerst wichtig. Das ist auch einer der Gründe, warum Sophie beschlossen hat, ihre Geschichte mit der ganzen Welt zu teilen. „Was mich antreibt, ist, eine Geschichte zu erzählen, die erzählt werden sollte. Als Kind dachte ich, ich sei die Einzige, die leidet. Das gab mir das Gefühl, dass ich ein großes Geheimnis auf meinen Schultern trage. Je älter und selbstständiger ich wurde, desto mehr wurde mir klar, dass es sich um ein universelles Problem handelt, das mit einem Stigma behaftet ist. Indem ich die Initiative ergreife und offen darüber spreche, woher ich komme, glaube ich, dass ich andere ermutigen kann, sich aus ihrer Situation zu befreien oder Unterstützung zu suchen.“

Dem Verdacht nachgehen

Doch wie geht man damit um, wenn der Verdacht in einem aufkommt, dass hier etwas nicht stimmt? Wenn man so ein komisches Gefühl im Bauch hat… 

Auf jeden Fall sollte man ein ungutes Gefühl nicht bagatellisieren, sondern es ernstnehmen. Ernstnehmen bedeutet nämlich in der ersten Instanz, dass man beginnt damit umzugehen. Ignorieren ist keinesfalls ein guter Weg. Die größte Angst ist ja stets, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen. Daher ist es wichtig, sich mit einer Person auszutauschen, die sich mit dem Thema auskennt. Sollte es im Reitstall oder Reitverein eine Vertrauensperson für diese Fragen geben, ist das sicher eine gute Adresse – ansonsten der Rat auch für Dritte, ein Hilfetelefonnummer anzurufen. Es gibt keinen pauschalen Leitfaden für das richtige Verhalten, denn alle Fälle sind individuell und unterschiedlich. Daher sind die geschulten Ansprechpersonen, die man unter der Hilfetelefonnummer erreicht sicher eine sehr gute Unterstützung. Gerade, wenn sich der Verdacht erhärtet, geht es darum, alle weiteren Schritte sorgsam abzuwägen.

In engem Zusammenhang damit steht Sophies Rat für andere Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie sie befinden: „Finden Sie Wege, Ihren Gefühlen Luft zu machen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Wenn man Freunde hat, denen man vertrauen kann, sprechen Sie mit ihnen darüber, wie Sie sich fühlen und was in Ihrem Leben passiert. Es wird eine Erleichterung sein, Ihre Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Außerdem rate ich dringend, sich an einen Erwachsenen zu wenden, der gut zuhören und beraten kann, wie mit der Situation umzugehen ist. Etwas, das mir geholfen hat, war es, ein Tagebuch zu schreiben. Es war ein gutes Gefühl, die Dinge zu Papier zu bringen und sich im Nachhinein an das Geschehene zu erinnern. Eine letzte Empfehlung wäre, eine Organisation aufzusuchen, die Menschen in Missbrauchsfällen hilft, und dort um Unterstützung zu bitten.“

Es handelt sich zwar um ein schwieriges, aber sehr wichtiges Thema. Und eines ist sicher: Wegschauen ist keine Lösung.



Wenn ich mich mit seinem Morgenkaffee hereinschlich konnte es ein, dass ein junges Pferd in seinem Zimmer stand, das auf den Teppich geäppelt und dort geschlafen hat.

- Sophie Jahn

75% | Weiblich      22% | Männlich      3% | Keine Angabe

Geschlecht der Opfer

Of all the people who have experienced sexual assault in sports, 60% has been expoxed to it often, 28% multiple times, and 3% one time.

Häufigkeit der sexulalisierten Gewalterfahrung

Wo beginnt
 sexualisierte Gewalt?

  • Anzügliche Blicke
  • Herabwürdigende Kommentare
  • Unangenehme Berührungen
  • Briefe, E-Mails oder Nachrichten mit sexuellem Inhalt
  • Exhibitionistische Handlungen
  • Sexuelle Nötigung
  • Vergewaltigung

Der Begriff sexualisierte Gewalt umfasst Formen von Gewalt und Machtausübung, die mittels sexueller Handlungen zum Ausdruck gebracht werden. Sexualisierte Gewalt kann verbaler und/oder körperlicher Art sein und erfolgt gegen den Willen der Betroffenen. Zu sexualisierter Gewalt zählen z.B.:

Julia von Weiler sagt, dass sich genau hier gut ansetzen lässt, Maßnahmen zu ergreifen, die Missbrauch verhindern: „In Ställen, in denen deutlich wird, dass sexualisierte Gewalt kein Tabuthema ist, haben es Täter und Täterinnen deutlich schwerer. Sind Ansprechpersonen für Sorgen und Nöte bekannt? Gibt es Zugang zu Hilfetelefonnummern (zum Beispiel durch Visitenkarten zur Mitnahme oder Poster mit QR-Code)? Wird gefragt, bevor bei Sitzkorrekturen berührt wird? Werden Dinge offen angesprochen? Sind sexualisierte Sprüche tabu? All dies schafft eine Atmosphäre, die es einem Täter / einer Täterin sehr viel schwerer machen wird, eine Tat vorzubereiten oder gar zu begehen.“ Wird eine Tat der sex-
ualisierten Gewalt öffentlich gibt es immer eine Spaltung: Diejenigen, die sich das vorstellen können und sich auf die Seite des Opfers stellen, diejenigen, die aus allen Wolken fallen und diejenigen, die den Täter verteidigen, weil sie sich gar nicht vorstellen möchten, dass so etwas geschehen ist. 

Missbrauch öffentlich machen

Doch wie gelingt es jungen Menschen über die Taten zu sprechen und Vertra-uenspersonen hinzuzuziehen? Es ist so wichtig, dass sich die Opfer öffnen und jemanden ins Vertrauen ziehen, so Julia von Weiler. Das erste und Wichtigste, das es zu verinnerlichen gilt, ist: „Ich kann nichts dafür – es ist nicht meine Schuld.“ Und dann gilt es, allen Mut zusammen zu nehmen und es auszusprechen. Am leichtesten gelingt dies häufig in der Anonymität an einem Hilfetelefon.

Nur wenige Betroffene vertrauen sich jemandem im Stall an – zu groß die Scham und das Gefühl Schuld an dem eigenen Missbrauch zu sein. Auch die Angst, die Position im Reitstall zu verlieren und als „Nestbeschmutzer“ dargestellt zu werden, spielt eine übergeordnete Rolle. Häufig fehlt es in Ställen und Reitvereinen aber auch an einer unabhängigen Vertrauensperson, an die man sich mit seinem Problem wenden könnte. Mehr noch, es gibt Berichte über Untätigkeit und Abwehrverhalten von Vereinen, da diese einen Reputationsschaden befürchten.


„sich-kümmern“, Isolation durch verstärkte Vergabe von Privilegien oder auch durch Druck, Drohung und Erpressung, so Julia von Weiler.

Grenzüberschreitungen

In erster Instanz ist es sehr leicht für die Täter / Täterinnen die Grenzen verbal zu überschreiten, anzügliche Witze zu machen oder kleine sexistische Bemerkungen fallen zu lassen. Dabei sehen Menschen dies, wenn sie es mitbekommen, vielleicht durchaus kritisch. Dennoch sagen sie meist nichts, da es ja eine vermeintlich so lockere Atmosphäre ist. Auch die körperliche Nähe wird als völlig normal eingestuft. Der Trainer korrigiert die Lage des Beins oder macht deutlich, wie der Sitz sein muss, die Gesäßknochen zu belasten oder die Hände zu führen sind. Dies geschieht meist ganz öffentlich auf dem Reitplatz oder in der Halle und niemand, der es mitbekommt wird sich darüber wundern. 

Julia von Weiler: Mehren sich diese vermeintlich harmlosen Taten wird die Reitschülerin (der Reitschüler) mit ziemlicher Gewissheit kein Wort darüber verlieren. Zu Hause nicht, aus Angst, dass der Gang in den Stall untersagt wird und im Stall nicht, aus Angst, dass einem niemand Glauben schenkt.

Täter überwinden so in vielen kleinen Schritten auch ihr eigenes inneres Hemmnis. Jeder Trainer (jede Trainerin) weiß, dass die Handlung verboten ist. Es sind Schritte, die sie die Taten vor sich selbst rechtfertigen lassen. Das Kind / der Teenager empfindet es gar nicht als schlimm. Sie/er reagiert nicht abwehrend. Sie/er steigt sogar noch darauf ein.

Die äußeren Hemmnisse zu überwinden ist dabei auch ein recht leichter Weg. Je offensichtlicher die etwas zu lange Berührung dauert oder der anzügliche Spruch in lockerem Umfeld gesagt wird, umso weniger scheinen diejenigen, die dabei sind, Anstoß zu nehmen. Und selbst wenn es bemerkt wird, so wird noch lange nichts gesagt. Man denkt man bilde sich das ein, ist zu empfindlich und empfindet letztendlich auch Scham ein solches Thema anzusprechen.

Auf die Frage, was sie Menschen rät, die Zeugen von Missbrauch im Pferdesport werden, antwortet Sophie Jahn: „Ich glaube, dass man als Erwachsener die Verantwortung hat, einzugreifen und zu unterstützen. In meinem Fall hätte ich es sehr zu schätzen gewusst, wenn sich ein Erwachsener meiner angenommen hätte. Wenn mir jemand das Vertrauen gegeben hätte, dass ich mit ihm / ihr hätte sprechen können. Allein durch Gespräche wäre mir eine schwere Last von den Schultern genommen worden. Außerdem würde ich Betroffenen raten, sich an die Schule, Behörden, Polizei usw. zu wenden, um sicherzustellen, dass sich das Umfeld der Situation bewusst sind.“

Meist folgen Übergriffe mit sehr schleichenden Übergängen. Psychisch und physisch wird die Gewaltspirale immer fester an- und die Opfer immer tiefer hineingezogen. Wie groß das Problem in Wirklichkeit ist, weiß niemand. Bekannt, öffentlich und verurteilt ist sicher nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist riesig.

Ein Thema, das alles andere als schön ist und über das man nicht besonders gerne spricht. Dennoch sind Belästigung und Nötigung auch im Pferdesport nachweislich präsent. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung engagiert sich seit mehr als zehn Jahren gegen sexualisierte Gewalt im Pferdesport. Auch in anderen Ländern gab es bereits Gerichtsurteile gegen Täter und in Schweden hat Sophie Jahn ein Buch über ihre Kindheit auf dem Reiterhof, geprägt von häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen durch den Vater, veröffentlicht. Wir haben mit Expertin Julia von Weiler, Diplom-Psychologin und Geschäftsführerin von Innocence in Danger (Organisation zum weltweiten Schutz von Kindern vor Missbrauch) und Sophie Jahn gesprochen, um dieses schwierige Thema zu beleuchten. Wie begegnet man dieser Gefahr, was kann man tun und wo bekommt man Hilfe? Diesen Fragen sind wir nachgegangen.

Abhängigkeit schaffen

Der Reitsport und die Beziehung zum Pferd sind für Kinder und Jugendliche – häufig gerade bei jungen Mädchen – eine sehr emotionale Angelegenheit: Die Bindung zum Pferd ist hoch, Bewunderung und Respekt für und vor dem Reitlehrer oder der Trainerin sind groß und die Zeit im Stall hat immensen Stellenwert. Der Verlust dieser Welt ist für viele junge Menschen deshalb für absolut undenkbar.

Der Täter / die Täterin „schenkt“ dem Kind besonders viel Aufmerksamkeit, gewährt vielleicht Vorteile, kümmert sich ganz besonders und lässt so eine dichte, vermeintlich sehr vertrauensvolle Atmosphäre entstehen. So darf zum Beispiel das Lieblingspferd häufiger geritten werden und es gibt ein paar extra Unterrichtsstunden. Vielleicht wird sogar die Turnierteilnahme in Aussicht gestellt. Alles Dinge, nach denen sich pferdeverrückte Kinder und Jugendliche sehnen. Ihr Traum rückt näher. So entsteht einerseits eine gewisse Abhängigkeit und der Wunsch der Kinder / Jugendlichen immer mehr zu gefallen wird verstärkt. Andererseits ist dies schon der erste Schritt eine Erpressbarkeit herbeizuführen. Wenn man diese und jene Sache nicht mitmacht, droht der Entzug der Privilegien und das möchten Kinder und Jugendliche ja in jedem Fall vermeiden.

Die Strategie der Tatperson ist dabei also, sukzessive eine Abhängigkeit zu schaffen. Entweder, durch Ausnutzen des „wunden Punktes“, durch ein übersteigertes 


Wir haben nie darüber gesprochen, was Jerry mit uns gemacht hat. Jeden Morgen, wenn es der Tag nachdem er einen oder mehrere von uns missbraucht hatte war, herrschte totales Schweigen. Das Schweigen war wie eine kleine Hoffnung, dass sich die Ereignisse von gestern sich nie wiederholen würden. Aber indem wir weder etwas sagten oder taten, halfen wir ihm weiterzumachen.

Rühr mich nicht an!

Missbrauch im Reitsport

Ganzer Bildschirm